Kreuzberg

Kieze / Szenen

(Auszüge aus Berlin für junge Leute“)

Früher gab es ein wildes „36“ mit Punks und südlich des Landwehrkanals ein zahmes „61“ mit ökologisch vorbildlichen Lehrer zwei Kreuzbergs. Heute gibt es in den Medien nur noch Kriminalität am Kottbusser Tor und Drogen im Görlitzer Park. Wenn ihr es genauer wissen wollt geht ihr ins Kreuzbergmuseum und macht mit uns einen Spaziergang durch den Kiez.

Wir starten unseren Spaziergang ganz entspannt am „Kriminalitätsschwerpunkt“ Kottbusser Tor. Im Café Kotti könnt ihr euch einen ersten Überblick verschaffen und ihr seht was für ein buntes Volk sich hier rumtreibt. Falls ihr abends wiederkommt könnt ihr auch ins Möbel Olfe gehen. Gegenüber gibt es die Institution Südblock und den etwas versteckten Monarch mit Postkartenblick auf die Hochbahn.

Vom Kottbusser Tor gehen wir durch die idyllische Dresdener Straße bis zum Oranienplatz und ein paar Schritte weiter liegt der Moritzplatz mit den Prinzessinnengärten und dem Aufbau Haus mit Café, Theater, einem Einkaufszentrum für Künstler- und Bastlerbedarf (Modulor) und dem angesagten Prince Charles Club. Gegenüber das Betahaus einer der ersten „Coworking spaces“ der Stadt.

Die Hauptstraße des Kiezes ist die Oranienstraße und die gehen wir jetzt runter Richtung Görlitzer Bahnhof. Zu jeder Tages-und Nachtzeit ist es ein einziges Gedrängel, aber genau das lieben wir ja. An der Kreuzung Adalbertstraße sind die meisten Läden rund um die Uhr geöffnet.

Launige Kneipen findet ihr reichlich, z.B. Luzia, Franken, Bateau Ivre, Rote Harfe, um nur ein paar der Standards der Trink- und Esskultur zu nennen. Und natürlich das unverwüstliche und zu Recht legendäre SO36, für Parties, Konzerte, Bingo, Nachtflohmarkt und vieles mehr… Der geräumige hübsche Mariannenplatz lädt zum Verweilen ein. Von hier sind es nur ein paar Meter zur Markthalle IX die mit einem kleinteiligen neuen Konzept überrascht: mit Sondermärkten wie „Slow Food“, „Naschmarkt“, „Wein trifft Käse“ und Donnerstag beim „Street Food Market“. Außerdem sind Weltrestaurant / Auster Club, Vögelchen (ex Hubertuslounge), sowie Lilis Pony Hütchen hier ansässig und allemal ein Grund in die Pücklerstraße zu gehen.

Hunger kann auf keinen Fall zum Problem werden, denn die Gegend strotzt nur so von Möglichkeiten, sich durch fremde Kontinente zu essen, z.B in der schicken Long March Canteen oder etwas weiter in der Gegend um den Görlitzer Bahnhof. Morgenland und Kimchi Princess verdeutlichen dies auf engstem Raum. Achtung; je greller und heller es blinkt umso größer ist die Gefahr in eine Tourifalle zu geraten. Auf der einen Seite blinkt die bunte Asia-Fantasie-Welt von Amrit/Mirchi – gegenüber gibt es jetzt allerlei Frittiertes wie Pommes mit Trüffel im Goldies und moderne Stullen im Ju’s.

Wenn ihr hier am Görlitzer Bahnhof auf die Hochbahn trefft, schaut nach oben und bestaunt die größte Moschee im Kiez. Sie steht auf den „Ruinen“ eines profanen „Bolle-Supermarkts“, der am 1. Mai 1987 nach der inzwischen traditionellen 1.-Mai-Demonstration von autonomen Gruppen geplündert und abgefackelt worden ist. Die Zeiten ändern sich: Jetzt schmückt hier die hübsche Omar Ibn Al-Khattab Moschee den Kiez. Nur keine Schwellenangst, jeder ist willkommen. Weiter geht’s in die Verlängerung der Oranienstraße, die Wiener Straße. Bis zum Spreewaldplatz könnt ihr im Wild at Heart oder Madonna in etwas kernigerer Szene euer Bier trinken und dabei Fußball gucken, gegenüber im Morena einen trendigen Kurzen nehmen, oder gleich weiter zum alten Bahngebäude in der Mitte des Görli (Görlitzer Park) ins Edelweiss schauen. Nicht nur für Regentage gibt es nebenan auch das Schwarzlicht-Minigolf.

Wenn ihr nicht im Park hängen bleibt, geht die Tour durch den angesagten Wrangelkiez weiter zum Schlesischen Tor. Die Gegend um die schöne Oberbaumbrücke ist ein stadtweiter Ausgehschwerpunkt und euer Forscherdrang kann sich hier ungehemmt entfalten. Ohren und Beine kommen z.?B. im Lido, L.U.X, Musik & Frieden oder Watergate auf ihre Kosten, für den Magen wird an jeder zweiten Hausnummer gesorgt. Bagdad und Burgermeister sind dabei besondere Adressen. Eine rote Lampe lockt direkt an die Spree zum Restaurant Riogrande. Gleich daneben gibt es noch eine schöne Terrasse mit Blick über die Spree, im FluxBau.

Weiter geht’s auf der von dauerndem Laden–Wechsel-Dich geprägten Schlesischen Straße bis zum Kanal hinunter, zu Birgit & Bier, Burg Schnabel, Chalet oder zum Freischwimmer. Jenseits des Kanals, schon im Nachbarbezirk Treptow, findet ihr den überbordenden Club der Visionäre und den vom Kotti hierhergezogenen Fetsaal Kreuzberg. Den Abschluss bildet das riesige Areal der Arena mit Badeschiff und Blick auf die Molcule Men.

Wenn ihr es jetzt etwas ruhiger mögt, geht ihr von der Schlesischen Straße aus durch die Falckensteinstraße, vorbei an der Eisdiele Aldemir, einer Institution im Kiez, weiter durch den Görli und über die Forsterstraße an den Landwehrkanal. Oder ihr unternehmt einen längeren grünen Spaziergang ab Arena immer am Kanal entlang. Gegen Ende des Paul-Linke-Ufer kommt ein Terrassencafé nach dem anderen. Empfehlenswert ist das Café Übersee. Wenn ihr den Kottbusser Damm überquert und an der hübschen, kleine Synagoge am Fraenkelufer entlang schlendert (Achtung Jogger) erreicht ihr die mittlerweile in keinem Reiseführer mehr fehlende, Outdoor Partylocation Admiralbrücke. Hier gilt es das Schlafbedürfnis der Anwohner zu respektieren und mittlerweile verleiht die verstärkte Polizeipräsenz dem auch Nachdruck. Gesittet beobachten kann man das Treiben vom Casolare aus oder auf dem van Loon dem heftigsten Rummel entgehen.

Also auf nach „61“, wo ihr euch mittlerweile befindet. Hier gilt es die hübsche Gräfestraße und Dieffenbachstraße zu entdecken. Wenn ihr den Gräfe-Kiez links liegen lasst und der Grimm- und Körtestraße folgt, erreicht ihr den Südstern. Am besten legt ihr eine Rast im Biergarten vom Brauhaus Südstern ein. Kreuzt danach vorsichtig den Platz, dann kommt ihr in die Bergmannstraße. Zuerst ist alles ganz beschaulich. Links Friedhöfe mit dem Café Strauss. Ab der Markthalle bis zum Mehringdamm entfaltet die Straße ihr mediterranes Flair.

Genießt die Atmosphäre bei einem Tässchen im Kaffee am Meer oder mit amerikanischen Kaffeespezialitäten im Barcomi’s. Gegenüber hat der Gyros Män seinen Imbiss, ohne Übertreibung der netteste und beste weit und breit. Vergesst nicht, unterwegs einen Blick in die Seitenstraßen zu werfen. Samstagmorgens gibt es einen beliebten Bio-Markt auf den Chamissoplatz der wie eine Filmkulisse ruhig da liegt. Wer alles Gesehene und Erlebte Revue passieren lassen will, begebe sich nun alternativlos auf den namensgebenden Kreuzberg, genieße das Panorama und schmiede Pläne für die nächste Tour. Oder doch noch eine Fassbrause im Golgatha, ein Weinchen im Vereinszimmer am unteren Ende des Wasserfalls, die berühmte Westberliner Currywurst im Curry 36 oder Mustafa‘s berühmten Gemüse Döner – U-Bahnhof Mehringdamm, sporteln oder relaxen im Park am Gleisdreieck, oder … in Kreuzberg ist eben nichts alternativlos (wie angeblich so oft in der Politik) – Kreuzberg ist die Alternative.